Falsche Fans

Mit gerade mal fünf Jahren fing ich an Fußball zu spielen. Und auf dem Sportplatz war die Welt noch in Ordnung. Eine Naturwelt ohne Frauen – aufregend und wild wie Rambo-Filme. Das war die gute alte Zeit. Heute ist Fußball längst nicht mehr das Revier von uns Männern. Unsere zivilisierten Stadien mit Sitzplätzen werden von Frauen bevölkert. Und damit nicht genug: Frauen schreiben über Fußball, reden über Fußball und werden dabei genauso leidenschaftlich wie wir. Jedenfalls soll es so aussehen. Die weibliche Liebe zum Fußball ist so ernsthaft wie weibliches Getratsche: Viel Gelaber, aber nichts kommt dabei heraus.

 

Der Fußball heute ist so männlich dominiert wie der Winterschlussverkauf. Das Fernsehen hat den Sport in eine Familienshow verwandelt. Spülmittel-Werbung zwischen den Berichten! Die Stadien haben gemütliche Sitze, Bars, Restaurants und Toiletten, die Urindeltas ähneln. Und Hooligans sind so gut wie ausgestorben. Kurz, der Fußball ist so gefährlich wie ein Theaterbesuch. Frauen haben natürlich nur deshalb den Fußball erobert, weil die egozentrischen Damen es nicht ertragen können, dass wir Männer eine Welt nur für uns haben. Die letzten Jahrzehnte waren davon geprägt, dass Frauen männliches Territorium stehlen. Frauen wollen unsere Jobs, unsere Autos, unsere Rasierer. Logische Konsequenz, dass sie jetzt die letzte Männerbastion erobern wollen – den Fußball. Selbst wenn sie ihn nie wirklich lieben werden. Wie könnten sie auch? Man muss mit dem Spiel aufwachsen, um es zu verehren und zu verstehen. Väter nehmen ihre Söhne mit zu diesem meist grünen, geheimen Ort. Wir selbst sind von unseren Vätern mitgenommen worden. Zu glauben, dass Figo hübsche Augen hat, macht einen noch nicht zum Fan. Man muss die Kultur dieses Spiels verstehen. Man muss sich daran erinnern, wie Deutschland 1954 Weltmeister wurde. Und wer die Tore schoss. Zu glauben das Ballack einen schönen Arsch hat, reicht nicht ganz.

Aber sollten wir nicht glücklich sein, dass Frauen sich für Fußball interessieren? Sollten wir dankbar sein, dass sie nicht mehr fragen »Sind die Schalker die in Blau oder die in Gelb?« und »Darf der Mann im Tor den Ball wirklich in die Hand nehmen?« und am schlimmsten, »Wie lange dauert´s noch?«. Vielleicht. Aber ich bevorzuge die Zeit, als der Fußballplatz eine Zone war, für die Frauen niemals ein Visum bekamen. Trotzdem merke ich, dass dies der Lauf der Welt sein muss. Mann trifft Frau, Mann verliebt sich in Frau, Mann streitet sich mit Frau über Fußball. Heutzutage würde die Frau anfangen, über die Abseitsfalle als einzig wirksames Mittel gegen Luca Toni zu diskutieren. Na, Männer, seid ihr jetzt glücklich? Ich nehme meine Freundin nicht gerne mit ins Stadion, weil ich ein altmodischer Kerl bin, der nicht will das seine Allerliebste von Neandertalern umgeben ist, die »Wir machen einen Schinken aus dem Arsch vom Stefan Effenberg» brüllen. Vor allem dann nicht, wenn ich einer von diesen Neandertalern bin.

So sehr Frauen sich auch bemühen: Fußball bleibt männlich. Olliver Bierhof kann noch so viel Geld verdienen, sogar mit Werbung. Er kann von Teenies so angehimmelt werden wie Prat Pitt oder der Typ aus »Dirty Dancing«. Aber es bleibt dabei, dass Mario Basler in einer Männerwelt lebt, und wenn er nicht auf dem Betzenberg spielt, singen Tausende: »Du bist Scheiße, und deine Freundin ist ´ne Schlampe!« Fußball ist Stammeskrieg in Nylonshirts. Wie das Leben kann Fußball unheimlich schön sein (DFB-Pokalfinale 2004), eine transzendente Erfahrung, ein Stück Himmel. Meistens aber ist er grausam (WM-Halbfinale 2006). Neulich habe ich ein wunderschönes Tor gesehen – leider war es gegen meine Lieblings-Mannschaft. Soll ich mich jetzt darüber freuen? Nein – ich hasste den Torschützen dafür. Das ist Fußball. So ungerecht wie die Männerwelt. Kein Benehmen, keine Sitten, keine Frauen. Vor allem keine Frauen.


Fankurven

Ich will auch eine. Sie hat: Zehnerkarte Sonnenstudio, elastische Jeans stonewashed, pinkfarbene Fingernägel, immer Kaugummi im Mund, einen Schminkkoffer im Handgepäck, einen Gürtel mit »Joop«-Schnalle, ein E-Plus-Handy mit Britney-Spears als Klingel. Sie kann zwei Scorpions-Lieder auswendig. Oder Wolfgang-Petry, das ganze Live-Album. Sie sagt, dass sie Pasta liebt, weil man doch in Italien mehr Geld verdienen kann. Früher war sie, sagen wir mal Friseuse oder Kosmetikerin. Oder nur ne Tussi. Jetzt schaut sie ihrem Mann bei der Arbeit zu und nennt sich Spielerfrau! So eine will ich.

Warum? Weil ich nicht weiß wie ich mich auf einer Transferliste benehmen muss. Und weil Gehaltsverhandlungen mühsam sind. Und weil ich endlich will, dass jemand auf der Tribüne sitzt und jede gelungene Parade bejubelt wie einen großartigen Freistoß und dann »Käse-Zwiebel-Hähnchen« aus der Mikrowelle holt. Und weil ich endlich wieder Haare will. Und weil mir jemand dieses schöne falsche Deutsch »das Geld, wo ich verdient hab« lassen soll. Gäbe es Martina Effenberg oder Angela Häßler in meinem Leben, hätten meine Chefs nichts zu lachen. Dafür aber ich. Und wenn ich zu lange in einer Kneippe Bier trinken würde, würde meine Spielerfrau, wie Iris Basler, mich zur Ordnung rufen und mich um 11 ins Bett schicken. Spielerfrauen sind die Verteidiger der Liebe – energisch im Bett und treu, Domina und Sklavin zugleich. Petting ist bei ihnen Dribbling, die Missionarsstellung ein Freistoß und der, na ja, ein Torschuss, Elfmeter natürlich ohne Kondom. Manche Spieler, die sich beim Kampf um den Ball die Beine verhageln, sehen aus wie nach dem Sex und suchen verschwitzt und mit offenem Mund die Tribüne wie ihr Bett nach der Spielerfrau ab: »Na, wie war ich?«

Es gibt mehr Spielerfrauen als man denkt, jedenfalls finden unsere Spieler immer gleich einen neue und schönere, wenn sie eine andere verlassen. Spielerfrauen laufen nie selber weg (außer Angela Häßler, Martina Effenberg usw.), sie sind treu wie Manndecker, man muss sie schon abschütteln. So wie Rudi Völler, erst mit der dicken Angela und dann, kaum in Italien, ne rassige Römerin. Oder Lothar. Unglaublicher Verschleiß. Nicht nur bei seinen Knochen. Später hat er mit einer Arzttochter sogar das »Spielermädchen« erfunden. Die Mutter aller Spielerfrauen heißt Elvira. Elvira Netzer, vor ihr gab es keine Spielerfrauen. Elvira ließ Günter seinen prima Haarschnitt bis heute und brachte ihm bei, einen gelben Ferrari vorm HSV-Platz einzuparken. Und nach Günters spielentscheidenden Flanken und Toren konnte man nur ahnen wie es nachts bei Netzers zuging. Sagenhaft ist auch Bianca Illgner geblieben, sozusagen die Madeleine Albright der Spielerfrauen, die ihrem Bodo beibrachte, Tor und Mund zu halten. Mit dem Tor klappt‘s nicht mehr, reden tut der Bodo bis heute nicht.


Fußballschuhe

Die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit kann manchmal sehr weh tun. Ich kam mit einer Beule davon, und einer Risswunde im dicken Otto. Und ich bin mir sicher – auf dem Speicher meines Elternhauses hätte jeder Grabräuber seine Freude gehabt.

Unter dem Dachboden warteten schließlich einige gefährliche Fallen. Hier und da ragten rostige Nägel raus. Mit der Spitze nach oben! Keine Ahnung wieso. Ich muss unbedingt nachforschen, wer damals mit den Hammer dort oben unterwegs war. Vielleicht aber erfüllten die Nägel ja genau in diesem Moment ihren Zweck, als ich nun am vergangenen Wochenende volle Lotte hinein stolperte. Nach einer lautstark verfluchten Kettenreaktion rieselte feinster Staub von der Decke und eine riesige Beule zierte meine stolze blanke Stirn.

Aber es hatte sich gelohnt. Eigentlich war ich auf der Suche nach Relikten meiner Kindheit, die ich an meine Kinder vererben konnte. Kinderbücher, Soldaten, Ritter, Indianer, Tonbandkassetten und meine heiß-geliebten Big-Jim-Figuren.

Und dann, auf einmal, lagen sie wieder vor mir. Halb begraben unter einem Werder-Poster mit Dieter Burdenski. Gleich neben einem verwaschenen grünen Baumwoll-Torwart-Trikot von Sepp Maier. Die schwarzen Tretter mit den drei grünen Streifen.

Eine dreckig-gelbliche Sohle mit dreckig-gelblichen Nocken. Auf dem Aussenspann  grüne Linien auf schwarzem Grund. Es ist die Unterschrift eines Mannes, der vor rund vier Jahrzenten auch auf das Erdgas-Baumwoll-Trikot von Borussia Mönchengladbach geflockt worden war (das ich im Winter übrigens immer noch drunter trage). Weltmeister 1974: Berti Vogts.

Plötzlich brachen die Erinnerungen über mich herein. Sie traten mich Vollspann zurück ins Jahr 1978, zurück in Schuhgröße 32, zurück in die F-Jugend meines Heimatvereins. Ich war so stolz auf meine ersten Fußballschuhe, dass ich morgens darin zur Schule lief und mittags mit ihnen auf blankem Asphalt bolzte. Und ja: Ich habe sie auch nachts getragen. Allerdings nur zwei Nächte. Dann bin ich ich in Hundescheiße getreten und schlief wieder barfuss.

Es ist schade, dass solch kindliche Freude mit den Jahren degeneriert. Erwachsene kaufen sich Computer, Fahrräder und Autos mit nüchterner Sachlichkeit. Aber die ersten Fußballschuhe, geschenkt vom Papa, mein lieber Scholli!

Früher fragte man: "Wen hast Du?" und antwortete: "Vogts", manchmal sogar "Breitner" oder "Netzer". Aber die Zeiten haben sich geändert. Neulich habe ich im Training unsere Nachwuchsspieler bei der Diskussion belauscht. Die zwei Deppen prügelten sich fast, weil der eine behauptete: "Schweini hat die Predator X TRX FG, du Pfosten!", worauf der andere konterte: "Spinnst du, Predator? Der hat die Adipure 4 TRX FG, du Vollpfosten!" - Ich musste später zuhause erstmal googeln, um nachträglich den kurzen vom langen Pfosten zu unterscheiden.

Unsere schwarz-weißen Fußballschuhe hießen noch Beckenbauer, später Völler oder Briegel. Heute klingen sie nach Schwarzenegger-Filmen und sehen schon mal aus wie der Kulturbeutel von Lady Gaga.

Natürlich ist das der Lauf der Zeit. In den Achtzigern hätte mich mein Trainer bei solchen Schuhen noch umgedreht am Kopfballpendel aufgehängt, in der Hoffnung, die Farbe würde aus den Schuhen abwärts Richtung Hirn fließen. Schließlich musste bei so einem Unsinn ja zwangsläufig ein massives Problem mit der Durchblutung vorliegen.

Jetzt, im Jahr 2011, frage ich mich aber nur, wie ein heute Achtzehnjähriger in einem Vierteljahrhundert reagiert, wenn er auf seiner Dachbodenexpedition auf so einen "Nike Mercurial Vapor" stößt. In Pink.

Naja, vielleicht stösst er vor Schreck seinen Kopp ebenfalls am Dachbalken. Und vielleicht tritt er auch freiwillig in einen rostigen Nagel, um Erinnerungen an Vergangenes mit einer gesunden Portion gegenwärtigem Schmerz zu besiegen.

Mir iss'es egal. Ich war kurz wieder Sepp Maier, im schwarz-weißen Kopfkino. Und meine Beule ist auch schon wieder weg.


Hölzenbein

Man denkt ja immer, dass die Begeisterung für Fußball etwas genetisches ist. Den Männern angeboren wie die Veranlagung zur behaarten Brust. Es soll kleine Jungs geben, deren erster zusammenhängender Satz ist nicht »Mama, ich hab dich lieb« oder etwa »Wo ist das Überraschungs-Ei«, sondern »Spieler schwach wie Flasche leer«. Bevor sie anfangen zu laufen, können sie eine Abseitsfalle erkennen. Man könnte denken, dass alle Männer so sind. Dem ist aber nicht so. Es gibt Männer, die interessieren sich kein bisschen für Fußball. Sie gehen sogar noch weiter: Sie lehnen ihn ab. Sie hassen ihn. Sie kriegen Pickel, wenn sie nur daran denken. Sie halten Fußball für eine Geisteskrankheit. Ich kenne solche Männer. Ihr Bartwuchs ist unkontrolliert, sie verfügen über alle primären und sekundären Geschlechtsmerkmale (mehr oder weniger), und doch: Sie verabscheuen Fußball.

Ich hingegen weiß ein gutes Fußballspiel durchaus zu schätzen. B-Liga-Spiele wie Leun gegen Bissenberg lassen mich kalt, es berührt mich nicht wenn die SG Ulmtal aufsteigt. Und ich kann sogar auf die Sportschau verzichten, aber ein Weltmeisterschaftsspiel lasse ich mir nie entgehen. Ich versuche dann, diesen Männern den tieferen Sinn des Fußballspieles klarzumachen. Das Fußball eine Metapher fürs Leben ist und das der Blick auf die grüne Rasenfläche durchaus etwas Kontemplatives hat. Zum Beispiel wenn in Madrid ein Tor umfällt und anderthalb Stunden lang nur ein beleuchteter Rasen zu sehen ist, unterbrochen von ein paar Spielern, die Lockerungsübungen machen, und einem Trupp Spanier im Blaumann, die ab und zu durchs Bild rennen und mit Metermaß und Holzhammer herumhantieren. Diese Männer juckt das nicht. Sie waren noch nie im Leben auf einem Sportplatz. Deshalb können sie in solchen Momenten keine Parallelen zum legendären Pfostenbruchspiel ziehen, das damals in den Siebzigern den M`Gladbachern fast die Meisterschaft gekostet hätte (Übrigens gegen Werder). Meistens schweigen sie, wenn alle über Fußball reden, schauen »VIVA« oder trinken einfach nur Bier.

Im täglichen Leben macht ihnen ihre Fußball-Ignoranz allerdings schwer zu schaffen. Sie trauen sich nicht, sich zu Outen. Insgeheim leiden sie unter ihrer Andersartigkeit. Am Montag, wenn alle über die Spiele vom Wochenende reden, stehen sie mit hängenden Schultern daneben und schweigen. Ihr Desinteresse ist anderen Männern verdächtig. Wenn er sich nicht für Fußball interessiert, für was denn sonst? Vielleicht für´s Stricken? Kann man einem Mann Geschäfte anvertrauen der einen Stürmer nicht von einem Torwart unterscheiden kann? Natürlich wissen sie, dass sie in diesen Momenten Außenseiter, ja sogar Aussätzige sind. Deshalb versuchen sie, sich zu tarnen. Sie lernen Sätze auswendig, die im entscheidenden Moment in die Diskussion eingeworfen werden. Etwa »Das mit dem Hölzenbein war ein klarer Elfer«. Das war ein Satz den man 1974 während der Weltmeisterschaft aufschnappen konnte, doch langsam hat er sich abgenutzt und von »Heute fehlt es den Teams doch am Fußballerherzen« ersetzt wird, zu variieren mit »Die Spieler müssen wieder lernen, dem Club zu dienen«. Einen dieser Standardsätze lassen diese Warmduscher wie eine Priese Salz über das Gespräch rieseln, weil sie hoffen, das würde sie unverdächtig machen. Die Diskussion verselbständigt sich, alle reden über umgekippte Tore, Tore oder warum Berti Vogts doch der bessere Bundestrainer war – und keiner kommt auf die Idee diese Männer zu fragen, was sie eigentlich damit gemeint hatten. Meistens. »Du Durmel weißt doch noch nicht einmal wer 1993 Torschützenkönig der Biskirchner Reserve war» sage ich dann demjenigen mitleidslos. »Doch«, antwortet er dann beleidigt, »Der Hölzenbein«. Lächerlich.

Damit solchen Männern solche Pannen nicht öfters passieren, haben sich jetzt viele einen neuen Satz ausgesucht. Einen Satz, der keines Beweises bedarf. Ein Satz der sich selbst genügt. Ein Satz der alles sagt über Männer ohne Fußballsachverstand. »Ich habe fertig«.

Der passt immer.


Schweiss und Tränen

Manche Frauen sollen ja vom Fußball angewidert sein. Fußball ist etwas, was uns Männern überlassen werden sollte – wie Zigarre rauchen, zu schnell fahren oder onanieren. Denn davon verstehen wir was. Wir wissen genau, wie man es macht. Und, wir machen es gut.

 

Was diese Welt braucht, sind Frauen, die sich wieder darauf besinnen, dass sie Frauen sind. Die sich nicht für eine Sportart interessieren, in der der Siegespokal nur dafür gut ist, Bier draus zu saufen.

Zugegeben, es ist fast unmöglich mit einer Frau zusammenzuleben, die sich absolut nicht für Fußball interessiert. Es gibt nix Nervigeres als eine Frau, die vor dem Elfmeterschiessen gähnt. Nur eins ist noch schlimmer: nämlich eine Frau, die den Fußball zu sehr liebt. Eine Frau, die einem erzählt, dass Roberto Baggio sich nie mehr gefangen hat nach seinem verschossenen WM-Elfmeter 1994 gegen Brasilien. Die dich belehrt, dass Poldi zu launisch ist, um jemals ein ganz Großer zu werden. Aber das alles ließe sich zur Not noch ertragen. Das Allerschlimmste aber sind Frauen, die schreiend und geifernd im Stadion sitzen.

Es gab einmal eine Zeit, da war es das Härteste für einen Fußballer, wenn er ein wichtiges Spiel verlor. Jetzt ist es das Härteste für einen Fußballer, in die degenerierten Zuschauerreihen blicken zu müssen. Mal abgesehen von den Frisuren argentinischer Fußballer – gibt es einen widerlicheren Anblick als diese kleinen, mit Billigschmuck behängten Frauen, die vor Aufregung quitschen, nur weil Ballack und Figo das Trikot tauschen?

 

Männer kicken, weil sie keine Wahl haben. Man spielt nicht Fußball, wenn man Astronaut werden kann. Fußball ist die einzige Alternative zu Verbrechen und Gefängnis (auch wenn einige es schaffen, beides zu verbinden). Für viele Männer ist der Gang auf's Fußballfeld die einzige Alternative zum Geschlechtsverkehr mit einem italienischen Autodieb im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Und es geht überhaupt nicht, wenn Frauen diese männliche Verzweiflung anfeuern. Eine Frau die bei einem spannenden Match schreit, ist ein Verstoß gegen die Gesetze der Natur. Frauen sollten nur kurz hinsehen, sich angewidert abwenden und dann die Küche putzen.

 

Fußballer sind die Gladiatoren unseres digitalen Zeitalters. In einer Zeit, in der nicht jede Generation in den Krieg muss, sind sie die letzten Verfechter physischer Courage. Fußballer bestätigen uns, dass wir mehr sind als fette Ärsche, die vorm Computer sitzen. Aber warum schauen Frauen Fußball?

Ich verstehe ja, dass Frauen in den siebziger Jahren Typen wie Günter Netzer liebten. Aber seit diese Zeit vorbei ist hat der Fußball seine Schönheit und Poesie verloren. Heute kommt die wahre Natur dieses Sportes zutage.

 

Fußball ist Männersache – Fußball ist Männerwelt. Und genau deshalb werden die Frauen davon auch so angezogen. Der Kick beim Anblick von Totti Frings ist sehr weit weg von der Chanel-Boutique. Es sei denn, in der Chanel-Boutique ist gerade Sommerschlussverkauf. Falls Frauen weiterhin Fußballspiele besuchen, sollte der Sport verboten werden. Fußball ist nämlich wie Analverkehr – wenn eine Frau es genießt, gibt es keinen Grund mehr, es zu tun.


Unser Leben

Frauen und Fußball sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen. Genau das ist eine dreiste Lüge, denn nichts passt besser zum rollenden Leder als Weiblichkeit, wenn gleichermaßen athletische wie geschickte Männer ein Kampfspiel zelebrieren, das an faszinierender Einfachheit nicht zu übertreffen ist.

Das Runde muss ins Eckige. Hau ihn rein du Sau!

Wer hier keine sexuelle Parallele sieht, sollte seinen Hormonhaushalt überprüfen. Natürlich ist Fußball ein Wettbewerb um Sympathien, natürlich wollen Männer beweisen, wie sie das Runde beherrschen. Könner streicheln den Ball, Anfänger treten ihn. Wahrhaftige Künstler spielen das Runde durch die Beine, übertreffen den Gegner nach Möglichkeit mit Geschicklichkeit und demonstrieren doch immer nur eines: Dominanz. Fußball ist also hocherotisch. Wenn eine Mannschaft gewinnt, dann heißt es in der Sportlersprache: »Sie ist obenauf!« Sie dominiert und imponiert.

Aber was machen die Frauen aus diesem Arkanum des Lebens? Sie demontieren es rethorisch zum plumpen Crash von „22 Idioten, die hinter dem Ball herlaufen«. »Diese Kniestrümpfe« kreischte einmal eine Bekannte beim Anblick von 44 harten Männerbeinen. Nie habe ich mich so geschämt. Das Existenzielle wird ausgeklammert. Bierselige Männerhorden werden in der weiblichen Wahrnehmung zum Kick-out-Kriterium einer ganzen Sportart. Dabei, liebe Frauen, ist Fußball nur der Versuch, mit Euch fertig zu werden. Wer ist nicht schon einmal enttäuscht von Heim und Weib zum Kicken gegangen und nach 90 Minuten elementarer Auseinandersetzung wieder bei sich selbst angekommen?

Fußball zeigt uns, worauf es ankommt. Kunstvoll kämpfen, elegant dominieren und fair verlieren. Und das letztgenannte ist besonders wichtig, denn verlieren tun wir oft. Jetzt sagt bitte nicht, dass das nur ein Spiel ist!

Denn Fußball ist das Einzige im Leben, dass uns Hoffnung gibt, irgend etwas zu beherrschen. Und wenn es auch nur ein Ball ist…


Weichei

Er liegt auf einer Gummimatte und hechelt. Schwangerschaftsvorbereitung? Atemübungen nach einem Quickie im Büro? Ne, Aerobic im Fitnessclub. Der Kurs für Anfänger.

 

Er trägt grüne Shorts, die einen gnadenlosen Blick auf seine weißen, behaarten Beine freigeben, die in Sneakers stecken, die an Füßen von Nowitzki passender ausgesehen hätten. „Und Eins und Zwei”, schreit die Trainerin, und er springt auf, auf seiner ebenfalls behaarten Brust glitzern feine, fiese Schweißtropfen, er springt und tapst und stösst seine Arme in die Luft. Damit ihm seine restlichen Haare nicht in die Stirn rutschen, trägt er ein braunes Stirnband.

 

Er ist das unerotischste, unmännlichste Weichei Deutschlands – und warum? Weil er sich an einem Ort aufhält, den ein richtiger Mann meidet wie ein Vampir die Knoblauchzwiebel – einem rein weiblichen Ort, wo er so wenig hingehört wie eine Frau an den Stammtisch. Ein richtiger Mann macht kein Aerobic, ein richtiger Mann spielt Fußball. Oder Eishockey.

 

Es kann ja sein, dass es in den achtziger Jahren ein emanzipatorisches Muss war, in Männergruppen Schals zu stricken und/oder sich in die Frauenbewegung einbrachte. Damals, als frau den Irrglauben hatte, die Geschlechter seien gleich geboren, nur die falsche Erziehung mache aus einem Baby einen bösen Mann mit Kriegsgelüsten. Man sieht es heute noch bei einigen.

 

Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn ihm die Haare ausfallen? Auch. Er darf sich nur nicht in die Domäne der Frauen drängen. Beispiel – er darf kochen, aber deftige Gerichte, keine Salate. Und ohne Küchenschürze. Er darf nachts aufstehen und nach den Kindern sehen, er darf ins Kaufhaus, aber nicht in die Babyabteilung. Er darf staubsaugen, aber nicht staubwischen. Er darf sich eine Putzfrau leisten. Er darf sogar zur Mani-, aber niemals zur Pediküre. Er darf rauchen, aber keine Ultra-Light. Und ein richtiger Mann muss im Stehen pinkeln, nichts ist lächerlicher als ein Sitzpinkler, der aussieht wie ein schwangeres Indianerweib. Ein Mann darf nie, auch wenn ihm die Eier abfrieren, eine lange Unterhose tragen. Wer sowas trägt, kauft sich später auch einen BH für seine Alterstitten. Oder einen Wärmeschutz für die Prostata. Kniestrümpfe und weiße Socken sind sowieso verboten. Ein richtiger Mann muss Kälte und Hitze aushalten können. Wann gibt es endlich ein Gesetz gegen Männershorts?

 

Ein Mann muss handwerklich geschickt sein. Wer kein Bild aufhängen kann, sollte Sexverbot bekommen. Pro Bild eine Woche. Ein Mann muss stark sein und heulen darf er nur am Grab seiner Frau, falls er sie überlebt, was eher unwahrscheinlich ist.


Weil ich dich liebe

Fußball ist langweilig. Oft zumindest. Wie viele langweilige, schlechte Spiele habe ich den letzten Jahren gesehen? Wie viele in Taktik und Angst erstarrte Null-zu-Nulls habe ich mir reingezogen, wie häufig waren vermeintliche Super-Mega-Knaller-Spiele armselige Rohrkrepierer, langweiliger als Fortbildungskurse für Finanzbeamte, fast so zermürbend wie evangelische Kirchentage oder irgendwelche Veranstaltungen die den modernen Menschen ins Koma befördern?

Gut, natürlich gibt es auch Highlights: Irgendjemand gewinnt gegen Bayern, Werder gewinnt gegen Bayern. Irgendein Gerechtigkeitssinn fühlt sich eben bestätigt, wenn der Außenseiter dem Favoriten ans Bein pinkelt. Aber betrachten wir die Sache im größeren Maßstab: So etwas kommt doch jede Saison vor, nur das sich die Vereinsnamen ändern. Einmal ist dieser Club Hinten, mal jener, im Grunde ist doch alles austauschbar. Aber wenn ich das weiß, wenn mein kleiner, nervöser Verstand sich einbildet, diese Sache Fußball – in Ansätzen zumindest – zu verstehen wieso, verdammt noch mal, tue ich mir das trotzdem jedesmal wieder an?

 

Klassische Situation: Werder Bremen hat am Freitag Abend gespielt (auch gewonnen) und ich könnte den Ereignissen am Samstag mit buddhistischer Gelassenheit entgegensehen. Morgens ausschlafen und den Rest des Tages ist frei. Was könnte man nicht alles für schöne Dinge tun an an einem solchen freien Tag? Dämmerschoppen, Lesen, ins Kino gehen, PlayStation spielen, Freunde besuchen oder sonst irgendwas. Falsch. Ich sitze todsicher, vorausgesetzt ich habe selber Spielfrei, mit einer Flasche Bier zu Hause oder in der Kneipe und habe den Fernseher laufen. Anfangs gebe ich noch vor, irgend etwas anderes zu tun, kehre die Straße, wasche mein Auto oder so ähnlich..., allerdings immer in Hörweite der Fußballübertragung. Dabei will ich davon gar nichts wissen, weil höchstwahrscheinlich sowieso kein gutes Spiel gezeigt wird, dass ich garantiert um 17.15 Uhr bereuen werde, es mir angeschaut zu haben. Aber mich soll der Schlag treffen, wenn ich nicht doch um kurz nach halb vier auf dem verfluchten Sofa sitze vor dem verfluchten Fernseher und alles andere (bis aufs Bier) stehen lasse.